PLUS MINUS Sendung vom 30.11.2011




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PLUS MINUS Sendung vom 30.11.2011

Beitragvon Uwe-Heek » Do 1. Dez 2011, 10:15

Hallo zusammen,

Sendung , zum nachlesen.

Gruß

Uwe Gellrich
__________________

Abwasserleitungen - nicht ganz dicht
"Kanalhaie" wittern ein dickes Geschäft

Bildunterschrift: Abwasserleitungen können für Hausbesitzer teuer werden. ]
(© NDR) Bis Ende 2015 müssen alle privaten Haushalte eine sogenannte Dichtheitsprüfung ihrer privaten Abwasserkanäle durchführen lassen - und die Leitungen bei Bedarf sanieren. Das sieht ein Gesetz vor, dass die Bundesregierung schon vor einigen Jahren verabschiedet hat. Der Widerstand der Hausbesitzer gegen die Maßnahme wächst, denn: Auf den hohen Kosten bleiben sie sitzen.

Mit dem Gesetz soll verhindert werden, dass insbesondere aus sehr alten Abwasserrohren Fäkalien und Haushaltschemikalien austreten und das Grundwasser verunreinigen. Nach Expertenschätzungen sind zwischen vierzig und siebzig Prozent der insgesamt rund 1,6 Millionen Kilometer langen privaten Abwasserleitungen undicht. Die Durchführung dieser Maßnahmen unterliegt dabei den Ländern beziehungsweise den jeweiligen Kommunen. Rund 16 Millionen Hausbesitzer sind betroffen.

Spezialkamera fährt durch die Rohre
Schon die Durchführung der Dichtheitsprüfung kann sehr aufwendig werden. Zunächst müssen dabei die Abwasserleitungen vom Haus bis zum öffentlichen Kanalanschluss mit Wasser und Hochdruck frei gespült werden. Anschließend ist eine Rohrinspektion mit Hilfe einer Spezialkamera erforderlich, die durch die Rohre gefahren wird (alternativ ist auch eine Prüfung mit Druckluft möglich).

Die Kosten für die Prüfung und die Erstellung der erforderlichen Dokumentation können sich – je nach Zustand der Leitungen und der Länge – schon auf einige Hundert und sogar Tausend Euro belaufen.

Schätzung: 30 Milliarden Euro Sanierungskosten
Noch aufwendiger aber ist die Sanierung beschädigter und nach der Prüfung beanstandeter Abwasserleitungen. Dafür gibt es verschiedene Verfahren: Bei der offenen Sanierung wird aufgegraben und neu verlegt. Bei der Inline-Sanierung werden die Rohre mit einem speziellen Verfahren unter Verwendung von mit Kunstharz beschichteten so genannten Inlinern saniert. Die Kosten für beide Verfahren hängen wiederum von der Länge der Leitungen und vom Ausmaß der Schäden ab. Mit einigen Tausend Euros muss man rechnen, bei besonders aufwendigen Sanierungen sogar mit über zehntausend Euro. Den bundesweit insgesamt erforderlichen Sanierungsaufwand schätzen Experten auf mindestens 30 Milliarden Euro.

Schleswig-Holstein: Landesweite Proteste
Wegen dieser hohen Kosten haben sich inzwischen zahlreiche Bürgerinitiativen gebildet, die sich gegen die Dichtheitsprüfung zur Wehr setzen. In Schleswig-Holstein, wo die Landesregierung schon im Jahr 2009 mit der Durchführung des Inspektions- und Sanierungsprogramms begann, kam es zu landesweiten Protesten. Im Frühjahr 2011 stoppte die Landesregierung in Kiel deshalb den Vollzug seines Wasserschutzgesetzes. Im Jahr 2023 will sie neu entscheiden.

Bürgerinitiativen "Alles-dicht-in-NRW"
In Nordrhein-Westfalen, das unter den Bundesländern ebenfalls eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung des Grundwasserschutz-Programms spielt und deshalb 2010 eine entsprechende Novellierung seines Landeswasserschutzgesetzes verabschiedete, sind die Kommunen weiterhin angehalten, die Umsetzung sicher zu stellen. Aus diesem Grund formierten sich in den vergangenen Monaten auch in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Bürgerinitiativen - und zwar unter dem gemeinsamen Dach „Alles-dicht-in-NRW.“ Allein im Münsterland sind es inzwischen mehr als sechzig.

Auf einer ersten zentralen Protest-Demonstration forderten diese Bürgerinitiativen Ende Oktober von der Düsseldorfer Landesregierung, dem Kieler Beispiel zu folgen und die Dichtheitsprüfung auszusetzen. Bernd Ahlers, Sprecher der Bürgerinitiative "Alles-dicht-in-NRW": "Wir lehnen einen Generalverdacht eines ganzen Landes ab. Hier sprechen wir von einem Investitionsvolumen von 30 Milliarden Euro. Das belastet das ganze Land, vor allem die Bürger unglaublich."
Vielen Menschen in Nordrhein-Westfahlen geht es zurzeit wie Rita P. in Bad Lippspringe. Auch sie bekam im Frühjahr dieses Jahres Post von ihrer Stadt mit der Aufforderung, ihre Abwasserrohre "unter Zuhilfenahme von Sachkundigen auf Dichtheit prüfen zu lassen." Und zwar "bis zum 15.05.2011." Rita Peters ließ die Inspektion durchführen. Das Ergebnis, dokumentiert auf einer DVD mit beigefügten Prüfungsbericht, schockierte sie: Weil die gesamte Kanalisation unter ihrem Haus angeblich marode ist, muss sie jetzt alles aufreißen und erneuern lassen. Sie weiß sich nicht mehr zu helfen: "Ich habe zurzeit nur einen Halbtagsjob, und das ist so eine immense Summe. Ich denke mal, ich kann von 20.000 bis 30.000 Euro ausgehen, und ich weiß gar nicht, wo ich das Geld hernehmen soll. Wie geht es weiter, muss ich vielleicht mein Haus deswegen verkaufen?"

NRW-Landesregierung will Gesetz nicht aussetzen
Trotz solcher Riesensummen, die viele der Betroffenen gar nicht aufbringen können, und obwohl inzwischen auch viele Bürgermeister und Landräte die Protestbewegung unterstützen, will die Landesregierung der Forderung der Bürgerinitiativen nach Aussetzung des Gesetzes jedoch nicht nachgeben. Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) bemüht dabei auch dieses merkwürdige Argument: "Es gibt Firmen, die in Kenntnis dieses Gesetzes entsprechend investiert haben in ihr Unternehmen – das ist eine Aufgabe, der wir uns stellen wollen." Und: "Hier muss man sich gemeinschaftlich an das halten, was man beschlossen hat."

Kanalsanierung als Konjunkturprogramm für eine Branche? Hochkonjunktur auch für windige Geschäftemacher, fürchtet der Sprecher der Bürgerinitiativen, Bernd Ahlers: "Diese Vorschrift zur Dichtheitsprüfung ist eben genau auch so ein Einfallstor, das dann ausgenutzt wird. Die sogenannten Kanalhaie benutzen die Dichtheitsprüfung als Einfallstor für ihre windigen Geschäfte. Wir haben sehr viele Beispiele, dass gerade ältere oder einfachere Menschen darauf hereinfallen und ganz horrende Summen bis über 20.000 Euro dann bezahlen müssen."

Kein Einzelfall: Überteuerte Prüfung und Sanierung
Hildegard O. in Castrop-Rauxel zum Beispiel hat in dieser Hinsicht ausgesprochen schlechte Erfahrungen gemacht. Auch die pensionierte Ärztin bekam Post von ihrer Stadt mit der Aufforderung, die Dichtheitsprüfung durchzuführen – bis Ende 2011. Den Werbeprospekt eines Kanalsanierungsspezialisten fand sie wenige Tage später in ihrem Briefkasten. Die alleinstehende ältere Dame nahm das Angebot an, ließ prüfen und war entsetzt über das Ergebnis: Überall Undichtheiten und Brüche – behauptete jedenfalls der Firmenvertreter. Die sofortige Sanierung sei unerlässlich.

Hildegard O. ließ sich überrumpeln, einen Kostenvoranschlag bekam sie nie zu Gesicht: "Da es gemacht werden musste, habe ich mich halt in mein Schicksal gefügt und das eingeleitet. Aber dass das so viele Meter waren, die man hat sanieren müssen, angeblich, das habe ich nicht gewusst. Am Ende waren es dann 21.493 Euro – ein schrecklicher Betrag."
Plusminus legte die Unterlagen Wilfried Günzel, einem IHK-vereidigten Sachverständigen, vor. Sein vernichtendes Urteil: Die Firma hatte nicht fachgerecht gearbeitet, nur lückenhaft dokumentiert und – vor allem - viel zu aufwendig saniert. Der Sachverständige: "Zusammenfassend würde ich hier so mal schätzen, dass diese Arbeiten hier um 40 bis 50 Prozent überteuert sind."

Leider sei das kein Einzelfall, sagt der von der IHK Dortmund bestellte und gerichtlich vereidigte Kanalsanierungs-Sachverständige. Vielmehr gäbe „viele dieser Fälle, bei denen mit überteuerten Preisen abgerechnet wird." Oft, so Günzel, handele es sich dabei um Haustürgeschäfte: "Die Firmen klingeln an der Tür, sagen, sie machten es besonders günstig – und ziehen die Leute dann über den Tisch."
Autor: Franz Jägeler
Uwe-Heek
 
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